Menschenpflege A-Z ► Altenpflege

Aus verantwortungsvoller Pflege Kraft schöpfen!     ODER: Den Kopf nicht in den Sand stecken!

Entsprechend dem humanistischem Menschenbild, das in vielen Pflegeleitbildern Berücksichtigung findet, kann sich die Pflege nicht auf reine Rationalität beschränken. Dort, wo der Mensch ins Spiel kommt, kann Sachlichkeit unmenschlich werden. Professionelle Pflege verbindet Sachlichkeit und Menschlichkeit. Dabei tragen die Pflegekräfte eine große Verantwortung, weil jemand von ihrem Tun und Lassen betroffen ist. Wie kann die Pflegekraft dieser Verantwortung gerecht werden, ohne auszubrennen?

Verantwortung tragen bedeutet: Zum Wohle eines andern und der Gemeinschaft bewusst mit dem eigenen Wissen und Können umzugehen! Insbesondere die Aktivität des täglichen Lebens „Für Sicherheit sorgen“ meint diese verantwortungsvolle Sorge für den Pflegebedürftigen. Verantwortung ist ein Grundbegriff der medizinischen Ethik. Das medizinische Personal soll das Wohlbefinden des Menschen in den Vordergrund stellen und Schaden von ihm abwenden. Nach Schwester Liliane Juchli ist Verantwortung die Bereitschaft zum Antworten auf physische und psychische Bedürfnisse des Menschen.

  • Wesentliche Merkmale der Verantwortungsfähigkeit sind:

  • ausgeprägte Sach- und Fachkompetenz

  • bewusster Umgang mit der Rolle als Pflegekraft

  • eigene Interessen von anderen abwägen und in Einklang bringen

  • sich selbst gegenüber verantwortlich sein

  • andere so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte

  • zu den eigenen Fehlern stehen

  • den Alltag reflektieren, immer zunächst das Positive und dann konstruktive und verbesserungswürdige Aspekte herausstellen.

„Verantwortung“ ist ein ethisch bedeutsamer Begriff im Pflegealltag. Die Pflegekraft ist als Persönlichkeit (als Mensch) gefordert. Sie ist auch Vorbild für die Pflegebedürftigen, indem sie Ruhe, Sicherheit, Zuversicht und Hoffnung sowie Selbstbeherrschung und Taktgefühl vermittelt. Sie trägt Verantwortung für das, was sie sich vertraut gemacht hat. Auch der Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry wollte eine Erde der Menschlichkeit und erzählt vom kleinen Prinz, der seinen Planeten verlässt und auf der Erde in der Begegnung mit einem Tier die Beziehungspflege kennenlernt. Seine Erfahrungen gipfeln in der Erkenntnis, dass das Geheimnis einer guten Beziehung die Übernahme von Verantwortung ist. Das jedenfalls rührt beim Lesen des Dialogs zwischen dem kleinen Prinzen und dem Fuchs besonders an. Genau darin liegt sicher auch ein großer Motivationsfaktor hinsichtlich einer Entscheidung für den Pflegeberuf.


Der kleine Prinz und der Fuchs

[...] „Adieu“, sagte der Fuchs

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach:
 Man sieht nur mit dem Herzen gut.
 Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast,
sie macht deine Rose so wichtig.“

„Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...“,
 sagte sich der kleine Prinz, um es sich zu merken.

„Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen“,
sagte der Fuchs. „Aber du darfst sie nicht vergessen.
Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich...“

„Ich bin für meine Rose verantwortlich...“,
wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. [...]

Aus: Antoine de Saint-Exupéry. Der kleine Prinz.
1998, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf.

Der Philosoph und Religionswissenschaftler Hans Jonas versteht folgendes unter dem Prinzip der Verantwortung: „Wir müssen einfach, uns bescheidenere Ziele setzen und das heißt gar nicht so Schlimmes! Denn das, was wir können und womit wir die menschlichen Angelegenheiten verbessern können, darin haben wir ganz formidable Fähigkeiten, woran es fehlt ist gar nicht das Können, es ist die Weisheit, es ist die richtige Zügelung und Lenkung dieser gemalten, dieser unserer eigenen Kräfte. Und da wir selber die Ursachen sind, für das, was uns heute bedroht, sollten wir eigentlich auch die Ursachen sein können für die rechtzeitige Abwendung der darin schlummernden und unseren Nachkommen vielmehr als uns selbst bedrohenden Gefahren“.

In dieses Zitat, lässt sich nun vieles hinein dichten. Dazu soll es auch dienen, denn die Erfahrungen und Haltungen zur Thematik „Verantwortungsvoll Pflegen“ sind sehr verschieden. Da können übergeordnete Aussagen zunächst hilfreich sein, die den Einzelnen die individuellen Schwierigkeiten transparent machen. Diese können und sollten auch nicht vorweg genommen werden, sondern müssen erfahren werden. Dabei gilt, was immer die Pflegekraft in Ihrer Verantwortungsfähigkeit belastet, mit diesem Zitat im Hinterkopf trägt sich die Last der Verantwortung wesentlich leichter. Das ermöglichen insbesondere sich daraus erwachsene Bekenntnisse wie „Ich gebe mein Bestes“, „Ich blicke positiv in den Berufsalltag“ oder „Ich scheue keine konstruktive Kritik, weil sie meine Arbeit weiter voran bringen kann“. Qualitätssicherung ist ja bekanntlich gefragter denn je!

Soweit stimmt wohl jeder zu. Doch was machen Pflegekräfte, wenn sie ihrer Verantwortung dann doch nicht so einfach gerecht werden können? Sie haben ja schließlich mit Menschen zu tun, denen gegenüber sie direkt verantwortlich sind. Andererseits haben sie eine gehörige indirekte Verantwortung (beispielsweise gegenüber den jeweiligen Vorgesetzten). Zu oft stehen diese direkte und indirekte Verantwortung im Widerspruch zueinander. Nehmen wir an, die Pflegedienstleitung legt fest, dass alle Pflegebedürftigen spätestens bis 9 Uhr gewaschen sein müssen. Diese Vorschrift lässt sich vom Schreibtisch aus leicht formulieren. Die Pflegekräfte werden die praktische Umsetzung allerdings wohl nur schwer organisieren können. Einige Pflegebedürftigen werden andere Wünsche äußern, die sich nicht mit den Vorstellungen der Pflegedienstleitung vereinbaren lassen. Damit es nicht zu solchen Diskrepanzen aufgrund praxisferner Entscheidungen kommt, müssen Pflegekräfte, die an der Basis arbeiten ernst genommen werden. Gleichzeitig ist zu fragen, ob die Pflegekräfte auch dazu bereit sind, sich auszutauschen. Es soll hier keineswegs nach den Schuldigen gesucht werden. Schließlich tragen alle ihren Teil zum Wohlbefinden des Klienten bei. Gerade im sozialpflegerischen Beruf ist es meiner Ansicht nach angebracht, sich zunächst an die eigene Nase zu fassen und seinen Beitrag zur Sicherstellung einer guten Pflege zu leisten. Zudem meine ich, dass die Qualitätssicherung trotz der gesetzlichen Verankerung zu selten von der Basis aus initiiert wird und zu oft wie übergestülpt erscheint. Wer beteiligt sich schon freiwillig daran? Wer ist so motiviert, z.B. selbst einmal einen Referenten zum Thema Wundversorgung oder auch zwecks einer Erste Hilfe Auffrischung anzusprechen oder wenigstens der Pflegedienstleitung einen entsprechenden Bedarf vorzuschlagen. Solche „Aktionen“ würden der Teamarbeit und damit auch einer vorteilhaften einheitlichen Pflege bestimmt sehr gut tun. Die Verantwortung kann leichter und mit einem guten Gewissen übernommen werden. Denn zu den wesentlichen Merkmalen der Verantwortungsfähigkeit gehörend umfassende Sach- und Fachkompetenzen. Sicher gibt es rühmliche Ausnahmen z.B. Einrichtungen mit einer beneidenswerten Innerbetrieblichen Fortbildung der Pflegekräfte, ohne denen sich in der Pflege nichts bewegen würde. Die gesetzliche Vorschrift verlangt das aber nicht nur von einigen Wenigen, sondern natürlich von allen in der Pflege Tätigen.

 Im Folgenden  soll ein kleiner Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten zur Qualitätssicherung gegeben werden, die ermutigen können, verantwortungsbewusst zu Pflegen und v. a. Mut machen, unverantwortliche Zustände zu benennen. Das ist schließlich auch eine Verantwortung, die Pflegekräfte zu tragen haben.

Maßnahmen der Qualitätssicherung

  • Qualitätszirkel

  • Klientenbefragung

  • Mitarbeiterbefragung

  • Pflegediagnosen

  • Pflegestandards

  • Pflegedokumentation

  • Pflegevisite

  • Pflegeevaluation

  • Aus- Fort- und Weiterbildung.

Bei vorhandener Motivation sind Qualitätszirkel relativ leicht zu realisieren. Es handelt sich um auf Dauer angelegte Gesprächsgruppen mit einer begrenzten Zahl (ca. vier bis sechs) freiwilligen Mitarbeiterinnen. Diese sollten von der Basis stammen. Das Treffen findet in regelmäßigen Abständen (z.B. monatlich) während der Arbeitszeit statt. Diskutiert werden selbst ausgewählte Probleme des eigenen Arbeitsbereiches unter Moderatorenanleitung. Dabei werden Problemlösungstechniken (z.B. Brainstorming und Fischgrätdiagramme) angewandt. Ziel der Qualitätszirkel ist die Einarbeitung und Einbringung von Verbesserungsvorschlägen. Die Ergebnisse werden protokolliert und der Pflegedienstleitung zugeführt. Entscheidend für den Erfolg dieser Qualitätssicherung sind geeignete Rahmenbedingungen. Die Pflegekräfte eines Zirkels benötigen dazu entsprechende Freiräume. Ebenso wichtig ist es, dass alle anderen Mitarbeiter regelmäßig und ausführlich über die Arbeit des Zirkels informiert werden. Teamarbeit reduziert Risiken und Pflegefehler und sichert die Kontinuität der Pflege. Außerdem fördert sie eine bewusste Pflege und trägt wesentlich zur Pflegequalität bei!

Beispiel: Fragen an Pflegebedürftige zur Qualitätssicherung

Bitte kreuzen Sie Ihre Beurteilung an!

1. Die pflegerische Versorgung durch die Pflegekräfte ist:
m  gut m zufriedenstellend m nicht zufriedenstellend.

2. Das Verhalten der Pflegekräfte ist:
m gut m zufriedenstellend  m nicht zufriedenstellend.

3. Die Beobachtungsfunktion bzgl. des Gesundheitszustandes ist:
m gut m zufriedenstellend m nicht zufriedenstellend.

4. Die Beratung in Gesundheitsfragen durch die Pflegekräfte ist:
m gut m zufriedenstellend  m nicht zufriedenstellend.

5. Die Berücksichtigung individueller Wünsche ist:
m gut m zufriedenstellend  m nicht zufriedenstellend. 

6. Was fanden Sie besonders gut?
m __________________________________________________

7. Was störte Sie am meisten?
m __________________________________________________
 

Nach Donabedian (Prof. an der Universität von Michigan) ist Qualität „... der Grad der Übereinstimmung zwischen den Zielen des Gesundheitswesens und der wirklich geleisteten Pflege". Qualität bezeichnet ein Maßstab für den Wert und die Güte. Pflegequalität erfordert die Güte der pflegerischen Leistung, das heißt eine Begründung der pflegerischen Handlung und feste Wertmaßstäbe der Pflegekraft, um dem Klienten in angemessener Weise gegenüber treten zu können. Die innere Einstellung muss stimmen. Frei nach dem Sprichwort: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg´ auch keinem andern zu“.

Erforderlich ist eine qualifizierte Berufsausbildung. Dabei muss es sich um eine mehrjährige Pflegeschule, anstelle eines Crash-Kurses handeln, in dem man lediglich die nötigsten Techniken erlernen kann. Gepflegt wird kein Holz, kein Metall und auch kein Stein, sondern ein Mensch! Im Mittelpunkt steht die Menschlichkeit. Nach § 1 unseres Grundgesetzes gilt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar...“! Der Erwerb einer verantwortungsbewussten Haltung für den Pflegeberuf kann nicht im Schnellkurs erfolgen. Die Pflegequalität hängt sehr von der Beziehungsqualität der Pflegekraft und dessen Klienten ab. Beide stehen zueinander in einer Wechselwirkung und beeinflussen sich gegenseitig (Inkeraktion). Beide werden in ihren Wahrnehmungen von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Sie können in der gegenwärtigen Situation liegen oder aus der persönlichen Lebensgeschichte stammen. Der Problemlösungsprozess wird erst durch die Qualität der Beziehung wirksam, die zwischen der Pflegekraft und dem Pflegebedürftigen zustande kommt. Die Beziehung kann positiv und konstruktiv sein, sie kann aber auch spannungsgeladen sein und destruktive Auswirkungen haben. Die Schaffung einer Atmosphäre, welche die Pflegemaßnahmen wirksam werden lässt, liegt im eigenständigen Handlungsbereich der Pflegekraft. Sie ist dafür verantwortlich! Die Qualität einer Pflegeeinrichtung hängt davon ab, in welchem Grad jeder einzelne und das ganze Pflegeteam sich ihres Tuns bewusst sind, wie sie zwischenmenschliche Beziehungen wahrnehmen und bereit sind, sich selbst und ihre Arbeitsweise zu verändern und weiterzuentwickeln. Die Haltung des Pflegepersonals (ihr Pflegeverständnis) hat direkte Auswirkungen auf das Befinden des Pflegebedürftigen. Dieser Verantwortung muss sich jede Pflegekraft das ganze Berufsleben lang jeden Tag neu stellen und darf sich nicht einfach darauf ausruhen, wenn die Strukturqualität (z.B. nicht vorhandene Zeit, nicht vorhandenes Material) eine optimale Pflege nicht zulässt. Wer den Kopf in den Sand steckt, hat bereits verloren. Altenpflegeschüler berichten mir während der Reflektion des praktischen Einsatzes häufig davon, dass sie versucht haben die ganzheitliche Pflege umzusetzen. Zum Beispiel hatte mal eine Schülerin mit den Bewohnern eines Seniorenstiftes die Servietten für das gemeinsam Mittagessen falten wollen. Daraufhin sei sie von ihrer Praxisanleiterin ausgebremst worden mit den Worten „Mach das nicht, du verwöhnst uns die Bewohner nur. Wenn du nicht mehr da bist, können wir das nicht weiter machen!“ Für ein anderes Beispiel möchte ein Erlebnis aus meinen Inhouseschulung zum Thema Fixierungen erzählen: Es ging um das Thema Stuhlfixierung. Mit zwei großen Taschen voller Fixiergurte (zur Demonstration) bewaffnet besuchte ich eine Pflegeeinrichtung in Münster. Auf der Treppe zum Fortbildungsraum im Obergeschoss des Hauses fragte ich den Pflegedienstleiter, warum vor der Treppe denn das rot-weisse Absperrkette angebracht sei. Der PDL sagte mir, weil hier vor zwei Jahren ein Bewohner tödlich verunglückt sei. Daraufhin fragte ich ihn, ob der Bewohner denn nicht unter Aufsicht gewesen sei und bekam zur Antwort, dass er nicht unter Aufsicht gewesen sei, weil er ja schließlich extra mit einem Sitzgurt im Rollstuhl fixiert worden. Das Beispiel zeigt, dass kein Sitzgurt der Welt die Pflegekraft ersetzen kann! Im Gegenteil ist es so, dass beim Kauf eines Sitzgurtes immer eine Pflegekraft „mitbestellt“ werden muss. „Haben Sie welche im Angebot“ werde ich dann oft in der Schulung provoziert und kann nur antworten, dass ich an der Pflegeschule reichlich ausbilde und viele davon noch keinen Job haben… Berufspolitisch ist es eine für die Berufsgruppe der Pflegenden schon bezeichnendes Phänomen, dass Pflegekräfte nicht mit Pflegehilfsmitteln wegrationalisiert werden können! Eine Heimleitung meinte in diesem Zusammenhang: „Ah, wenn der Bewohner immer unter Aufsicht sein muss, sind mir dazu examinierte Pflegende zu teurer, aber da gibt es ja die Ein-Euro-Kräfte, die das machen können! Wenn ich (um die Altenpflegeschülerinnen den schweren Beruf schmackhaft zu machen) eine ganzheitliche Pflege verspreche, kann ich das nicht unterstützen, sondern nur resignieren. Ansonsten wird die Pflegekraft immer mehr fast noch für in der Lebensaktivitäten „Ausscheiden“ und „Essen und Trinken“ (nach dem Motto, was rauskommt, muss ja auch irgendwo erstmal hineingegeben werden). Wenn ich dies in meinen Inhouseschulungen erzähle, sagen mich traurigerweise einige Pflegekräfte ganz entmutigt: „Was können wir dazu?,

Das ist eben so! Pflegekräfte haben keine Zeit, hört man oft. Keine Zeit oder keine Lust, können böse Zungen behaupten und ich möchte bestätigen: Bei fehlender Lust handelt es sich dann um eine selbst verschuldete Berufsunzufriedenheit!!! Denn, wenn ich meine Pflegearbeit nur als Job sehe, sollte ich lieber nicht im sozialen Beruf tätig sein!

 Während meines Zivildienstes im Seniorenheim stellte ich schnell fest, dass ABM-Kräfte (so hießen die damals bekanntlich) die „schöneren“ Aufgaben, wie z.B. Spaziergänge, Einkaufen mit den Bewohnern, Zeitung vorlesen…). Das sind jedenfalls häufig Aufgaben, die mir als Pflegekraft auch mal etwas geben. Es sind ganz sicher nicht vorwiegend Aufgaben, bei denen ich mich nur verausgabe, meinen Ekel überspielen und immer nur aktiv geben muss, sondern wo ich auch mal etwas nehmen kann (z.B. wenn mir ein ältere Mensch aus seinem Leben erzählt). Und wenn es nur die frische Luft beim Spaziergang ist, oder die Zigarette! Okay, so ungesund das Rauchen auch ist (darum geht es hier nicht!), es tut beiden (der Pflegekraft wie auch den Bewohner) gut, wenn beide etwas zusammen trinken, esse, lesen, singen, fernsehen, wandern, meditieren, betrachten, beten, hören.... Das Geheimnis der guten Pflege ist, die Teilnahme an der Lebenswelt des Bewohners sowie die Transparenz des Pflegeverständnisses! Wenn die Pflegenden mit den Bewohnern leben, wird die Gefahr der routinierten Arbeitswelt mit den manchmal blind gewordenen Arbeitseifer (Burnout) und faulen Argumenten der ach so unzureichenden Strukturqualität (die man ja nicht ändern kann) minimiert und der Kopf aus dem Sand gestreckt! (Abb. Kopf aus dem Sand). Das Pflegeverständnis muss auch für den Pflegebedürftigen transparent (sichtbar) werden. Jeder weiß, dass eine ganzheitliche Pflege nie erreicht werden kann, sondern wir uns immer (lediglich) auf den Weg dahin befinden. Es gilt: Der Weg ist das Ziel. Zu oft steht es aber fast nur in den Leitbildern, die in vielen Einrichtungen im Eingangsbereich im schönen Bilderrahmen hängen und in der Umsetzung aber mehr „Blender“ sind, als das sie den praktischen Alltag widerspiegeln. Nein, das liegt nicht gewiss nicht an der Boshaftigkeit der Pflegenden, sondern an der Ambivalenz, welcher sie ausgesetzt sind. Hierzu wieder ein letztes Beispiel. Ein Bewohner, der bislang geistig und körperlich sehr fit war und sogar vor kurzem der „Prinz Karneval“ im Altenheim war, ist jetzt aufgrund eines plötzlich akuten Krankheitsbildes sturzgefährdet, auto- und fremdaggressiv und hat eine Hinlauftendenz! Darum wird er nun im Bett fixiert. Er wird sich natürlich vor den Mitbewohnern, vor den Pflegekräften sowie vor möglichen Besuchern (z.B. ehemalige Nachbarn, Arbeitskollegen) bloßgestellt und vorgeführt vorkommen und sich dessen schämen. Die Fixiergurte werden ihm das bisschen Selbstwertgefühl nehmen, was er aufgrund seines Umzugs in das Altenheim noch hat (!). Es liegt nahe, dass er depressive Verstimmungen oder sogar Suizidgedanken bekommt. Keine Pflegekraft wird den Bewohner gern fixieren. Bekommt sie aufgrund seiner Fremdaggression Schläge, wird sie beschimpft („Du Arschabwischer“ ) oder bekommt sie vielleicht sogar ein Glas Wasser hinterher geworfen (was in Psychiatrien durchaus passiert!) muss sie sehr ambivalent reagieren. Sie kann ihn nicht einfach fixieren und das Zimmer dann nicht mehr betreten. Sie kann nicht die Fenster öffnen nach dem Motto, alle Mücken hinein ins Zimmer, auf das sie dem bösen Bewohner zur Strafe und Belehrung ruhig mal stechen sollen! Was wäre das für ein Pflegemiss(st)verständnis!!! Solche Pflegekräfte sollten ihr Examen abgeben, denn dann wären sie nämlich selbst äußerst pflegebedürftig und gehörten dringend in Behandlung! Gerade den Fixierten muss die Pflegende kontinuierlich überwachen und betreuen. Gerade dann, wenn er aggressiv war, muss die Pflegekraft das Zimmer betreten und kann ihn nicht allein lassen. Es ist verständlich, dass die Pflegekraft irgendwann keine Worte mehr hat, wenn Sie (was zum Glück selten vorkommt) vom Pflegebedürftigen permanent beleidigt würde. Doch selbst und gerade dann ist es wichtig, dass die Pflegekraft schweigend das Zimmer betritt, sich neben den Kranken setzt und ihm damit z.B. signalisiert: Hier bin ich! Ich mache mir Sorgen um dich! Du siehst, du machst uns ganz schön fertig! Ich kann nicht mehr! Ich habe keine Worte mehr! ABER: Ich will, das du wieder gesund wirst! Mit einem Streicheln (z.B. dezent auf dem Handrücken), oder einem „Schulterklopfspruch“ wie: „Schlafen Sie sich bitte erstmal aus! Morgen überlegen wir gemeinsam weiter.. ich kann jetzt auch nicht mehr und brauche erstmal eine Pause….). In diesem Beispiel kann man wahrlich von einem gesunden und sehr transparenten Pflegeverständnis sprechen! Haben wir immer den Mut dazu oder ist es manchmal einfach viel bequemer, den Kopf in den Sand zu stecken?

Friedhelm Henke, Anröchte-Berge